Artikel im AdventEcho

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Vorwort

Ein kleiner Fehler steht in den folgenden Sätzen:

"In Frankreich steht zuerst der Name des für die Zusammenstellung Verantwortlichen, also beispielsweise mein Name. Ich schreibe dann auch die Einleitung, in der ich auf die Person und das Werk von Ellen G. White eingehe und Thema und Hintergründe der vorliegenden Kompilation erläutere."

Bei diesem Interview habe ich nicht gesagt, dass unser Verlag in Frankreich so funktionniert, obwohl es mein Traum wäre. Viele französische Veröffentlichungen werden so vorgestellt. Der Artikel gibt aber den Eindruck, dass der Traum Wirklichkeit geworden ist und kann also ein Misverständnis bringen. Das ist nicht der Fall in unserem adventistischen Verlag. Den letzten Sätzen wurden nur als Beispiel und Eklärung formuliert.

Jean-Luc Rolland

Ergänzendes Material zum ADVENTECHO 3-2007, 6-7.

© AdventEcho

Die Spiritualität Ellen Whites entdecken

Interview mit Jean-Luc Rolland, Leiter des Ellen-G.-White-Forschungszentrums der Euro-Afrika-Division

Was ist die Aufgabe des Ellen-White-Forschungszentrums der Euro-Afrika-Division?

Das Forschungszentrum soll die Erforschung der Geschichte der Miller-Bewegung und der Adventbewegung fördern und das Gesamtwerk von Ellen White sowie die vielen Dokumente, die ihren Dienst, ihr Leben und ihre Zeit beleuchten, für jeden zugänglich machen. Man kann bei uns alle Dokumente einsehen, die von Ellen G. White stammen und auch solche, die andere über sie verfasst haben. Wir haben praktisch alle jüngeren Forschungsarbeiten über sie vorrätig.

Was bedeutet es, über Ellen G. White zu forschen?

Das bedeutet, dass wir über die Wortwahl Ellen G. Whites nachdenken und über ihre Inspiration und das historische Umfeld, in dem sie lebte und schrieb. Wir suchen Antworten auf die Frage: Wer war die wahre Ellen G. White – und nicht der Mythos Ellen G. White. Wir beschäftigen uns mit ihren geistlichen und schriftstellerischen Fortschritten. Zwischen ihrem 17. Lebensjahr [dem Jahr ihrer Berufung] und ihrer Zeit als Großmutter ist sie in ihrem Verständnis der Botschaft Gottes und in ihrer Sprachkompetenz gewachsen. Auch ihre Rolle als Ehefrau und Mutter und ihre Beziehung zu anderen Leitern unserer Gemeinschaft ist ein Forschungsgegenstand. Das wichtigste aus meiner Sicht ist jedoch, die Spiritualität Ellen G. Whites zu entdecken. Ein Problem besteht darin, dass manche Adventisten Ellen G. White nur anhand von Randfragen betrachten. Das erinnert mich ein wenig an die Haltung, die Jesus in Matthäus 23 bei den Pharisäern kritisiert. Ich will damit nicht sagen, dass ich solche Leser für schlechte Christen halte. Aber einige von ihnen machen keinen Unterschied zwischen Ellen Whites Kernbotschaft und ihren Aussagen über zweitrangige Themen. Wir müssen diese Gemeindeglieder zum Reichtum und zur Tiefe der Spiritualität Ellen Whites hinführen. Wer ist diese Frau, deren Schriften wir lesen, zitieren und veröffentlichen? Ist es ihr wichtigstes Anliegen der „Zehnte“ oder stellt sie Gottes Mitgefühl, seine Gnade und Liebe, die Würde des Menschen und seine Erlösung und Wiederherstellung in den Mittelpunkt?

Kannst du präzisieren, was du mit „zweitrangig“ meinst?

Zweitrangig bedeutet nicht unnötig oder weniger inspiriert. Es heißt einfach: Nicht so wichtig wie andere Aussagen von Ellen White. In diesem Punkt müssen wir als Adventisten unsere theologische Forschungsarbeit noch verbessern. Im März 1997 hat Norman Gulley, seinerzeit Professor an der Southern Adventist University (Tennesee, USA), in der Pastorenzeitschrift Ministry einen interessanten Artikel über ein ganz ähnliches Thema geschrieben, nämlich über die Notwendigkeit, unsere [damals] 27 Glaubensüberzeugungen neu zu formulieren und zu so zu strukturieren, dass der Unterschied zwischen zentral Wichtigem und Zweitrangigem deutlicher wird [die deutsche Übersetzung erschien im ADVENTECHO 1/2000, S. 6-7].

In der Selbstdarstellung des Forschungszentrums heißt es, dass „das intelligente Lesen von Ellen G. Whites Schriften“ gefördert werden soll. Was ist damit gemeint?

Wir meinen damit: intelligent, ausgewogen und christlich. Es geht nicht um eine elitäre Lektüre ihrer Werke, sondern jeder interessierte Leser soll dies können. Das Problem liegt nicht bei Ellen White, sondern beim Leser. Gleich ob sie ihre Schriften schätzen oder ablehnen – viele Leser tappen immer wieder in dieselbe Falle. Um das zu vermeiden, müssen wir Ellen Whites Schrifttum anders lesen. Zu oft benutzen wir sie – auf der Suche nach Argumenten für unsere eigene Position – als theologisches Nachschlagewerk oder setzen sie der Bibel gleich. Aber das, was Paulus in 1. Korinther 14 über die Gabe der Prophetie schreibt, verbietet es, Ellen Whites inspirierte Schriften als irrtumslos zu betrachten und zu meinen, sie enthielten nur absolute Wahrheiten. Ellen White selbst und später auch ihr Sohn Willy haben vor diesem Missverständnis gewarnt.

Wie wollt ihr das „intelligente Lesen“ konkret fördern?

Unser Forschungszentrum steht Besuchern offen, die eine Einweisung in das Leben und Werk von Ellen G. White haben möchten. Wir veranstalten Seminare zum besseren Verständnis von Ellen White. Gemeinden, Vereinigungen, Verbände können mich einladen, auf ihren Versammlungen zu referieren. Auch Schulen können sich an mich wenden, wenn sie einen Referenten zum Thema Ellen White (oder Spiritualität im Allgemeinen) brauchen. Ich bin auch schon zu Kongressen und Jugendlagern eingeladen worden.

Dein Lebenslauf ist ja nicht gerade „traditionell adventistisch“. Wie ist man auf dich als Leiter des Ellen White Studienzentrums gekommen?

Am Anfang meines Adventistseins – ich war ursprünglich katholisch – war ich ein Legalist (Gesetzesmensch). Als Pastor war ich acht Jahre lang für eine Gemeinde zuständig, in der ich viel mit Perfektionisten zu tun hatte. Die Arbeit mit dieser Gemeinde und die geistlichen Kämpfe, die ich in dieser Zeit ausgetragen hatte, haben mich veranlasst, viel von und über Ellen G. White und über Adventgeschichte zu lesen. Dabei studierte ich auch das Büchlein von George R. Knight, I used to be perfect, und kiloweise andere wunderbare Bücher von ihm und anderen Autoren. Im Laufe dieser Zeit habe ich meine Gesetzlichkeit aufgegeben. Als die Generalkonferenz dann für das geplante Ellen White-Forschungszentrum in Collonges einen Leiter suchte, hat mich mein Freund Jean-Claude Verrecchia, damals Leiter des Theologischen Seminars in Collonges, vorgeschlagen. Er suchte jemanden, der sich für die Hermeneutik von Ellen G. Whites Werken interessiert, aber nicht fundamentalistisch denkt, sondern der sich für den eigentlichen Sinn ihres Wirkens interessiert und sie wertschätzt. Alle zuständigen Gremien bei der Generalkonferenz, der Division und dem Seminar Collonges haben diesen Vorschlag ausführlich beraten und ihm schließlich zugestimmt. Ich war erstaunt und überrascht, denn es war mir nie in den Sinn gekommen, dass ich eines Tages Theologie unterrichten könnte.

In den letzten Jahren sind von adventistischen Verlagen immer mehr Kompilationen (Zusammenstellungen) von Ellen-White-Zitaten als Bücher herausgegeben worden. Diese Bücher sind ja in dieser Form nicht von Ellen G. White geschrieben worden. Wie beurteilst du diesen Trend? Besteht nicht die Gefahr der Willkür bei der Auswahl der Zitate?

Bei diesen Kompilationen spielt die Frage nach dem grundsätzlichen Auslegungsverständnis der Schriften von Ellen G. White eine Rolle. Natürlich kann man Kompilationen mit der Absichtzusammenstellen, bestimmte Lehren Stein für Stein zu zementieren. Das passiert auch manchmal, aber nicht immer. In den USA werden Kompilationen zudem anders erstellt als beispielsweise bei uns in Frankreich. In Amerika werden die Kompilationen präsentiert, als ob sie Ellen G. White in dieser Zusammenstellung selbst geschrieben hätte. In Frankreich steht zuerst der Name des für die Zusammenstellung Verantwortlichen, also beispielsweise mein Name. Ich schreibe dann auch die Einleitung, in der ich auf die Person und das Werk von Ellen G. White eingehe und Thema und Hintergründe der vorliegenden Kompilation erläutere. Ein anderes Problem besteht darin, dass ein Teil der Zitate aus solchen Sammlungen aus unveröffentlichten, privaten Briefen und Handschriften stammt, ein anderer Teil ihren veröffentlichten Werken entnommen ist. Die Leser können den Unterschied meist nicht erkennen. Aber ist es ein Unterschied, ob ich beispielsweise einen privaten Brief an meine Frau schreibe oder einen Vortrag in einem Workshop halte. Dieser inhaltliche Unterschied wird in den Kompilationen zu wenig gewürdigt. Aber nutzlos sind solche Kompilationen nicht, denn sie erlauben einen Überblick über ein bestimmtes Thema – wenn auch zuweilen etwas oberflächlich – über das Ellen G. White verstreut in ihren Schriften geschrieben hat. Wichtig ist auch, dass der Pastor die Ellen-White-Lektüre der Gemeindeglieder geistlich begleitet, denn durch falsches Lesen haben manche Gemeindeglieder geistliche oder familiäre Probleme bekommen oder sind gar depressiv geworden.

Eines deiner Gebiete, die du in Collonges unterrichtest, ist Spiritualität. Was versteht man unter diesem Begriff?

Spiritualität ist ein vieldeutiges Wort. Wenn man sich auf die christliche Spiritualität beschränkt, dann vermittelt sie uns etwas ganz anderes als z. B. die Spiritualität des New Age. Die New-Age-Spiritualität behauptet, dass die Lösung des Problems in mir selbst liegt. Die christliche Spiritualität bietet ein Geschenk an, das außerhalb von mir liegt. Aber die christliche Spiritualität verbietet es nicht, sich selbst als ein wunderbares Geschenk Gottes zu sehen. So wie man das Wort „Spiritualität“ im Christentum verwendet, kann man sie in zwei Elemente unterteilen: die Beziehung zu Gott und als Konsequenz daraus die Beziehung zu unseren Mitmenschen. Man könnte Spiritualität auch als Torte darstellen die in verschiedene Stücke unterteilt ist. Ein „Tortenstück“ wäre eine kognitive Dimension des geistlichen Lebens, die uns hilft, richtig über Gott zu denken. Der Fundamentalismus beschränkt die Spiritualität auf diesen Aspekt. Aber es gibt auch das „Tortenstück“ der persönlichen Spiritualität als Beziehung zu Gott, also der Meditation, des Gebets, der Gemeinschaft mit Gott, der Kontemplation. Gott möchte, dass wir möglichst offen für seine Entwicklungsmöglichkeiten mit uns sind. Dann gibt es das „Tortenstück“ der sozialen Dimension, also die Gemeinschaft mit anderen Menschen und der Einsatz für diese Gemeinschaft. Damit verbunden ist die liturgische Dimension der Spiritualität durch die gemeinschaftliche Anbetung Gottes. Bemerkenswert ist der konfessionsübergreifende Charakter der Spiritualität. Uns unterscheiden zwar manche Glaubenslehren, aber wenn man gemeinsam über Spiritualität spricht, hat man das Gefühl, zur selben Familie zu gehören.

Gibt es denn auch so etwas wie eine adventistische Spiritualität?

Eigentlich ist die Definition von Spiritualität, die ich eben gegeben habe, im Wesentlichen adventistisch. Denn viele andere Konfessionen fügen dem noch etwas hinzu, beispielsweise die Verehrung von Maria in der Katholischen Kirche oder die Zungenrede in charismatischen Kreisen. Natürlich ist unsere adventistische Spiritualität selektiv, sie ist nicht einfach die Summe aller christlichen Spiritualitäten, sie enthält aber das Wesentliche der christlichen Spiritualität, das auch von den meisten anderen Christen geteilt wird. Folgende positive Errungenschaften besitzt die adventistische Spiritualität: die Auffassung vom Leben als ein Geschenk, die Freude, von Gott errettet zu sein, die Spiritualität der Erwartung Jesu, den Gedanken der Rechtfertigung Gottes im „Großen Kampf“, die Spiritualität des Sabbats und nicht zuletzt Ellen G. White, die lehrte, dass man zuerst Christ sein muss, um Adventist zu werden. Aber wir sollten uns vor einigen Gefahren hüten – beispielsweise vor der Auffassung, zwischen dem ersten und dem 19. Jahrhundert hätte es (mit Ausnahme der Reformation) nichts Interessantes und Wegweisendes in Sachen Spiritualität gegeben. Oder vor einem geistlichen Leben, in dessen Zentrum die Dogmatik steht.

Zur Spiritualität gehört auch die Offenheit für das Wirken des Heiligen Geistes. Aber ich habe den Eindruck, bei uns ist vom Wirken des Heiligen Geistes sehr wenig zu spüren. Woran könnte das liegen? Sind wir vielleicht nicht offen genug dafür?

Deine Frage stellt andere und wichtige theologische Fragen. Wer ist denn der Heilige Geist? Wer bin ich, Jean-Luc, um zu dieser Frage zu antworten zu können? Für mich ist der Heilige Geist eine echte Person der Dreieinigkeit, mit einem bestimmten Auftrag. Aber er ist auch und oft ein Geheimnis. Einige seiner Aufträge besteht darin, mich zu lehren – über mich selbst, über meine Schwächen, über das, was Gott uns schenkt, und besonders über Jesus Christus. Über seine Schönheit, seine Identität, über seiner Ähnlichkeit mit Gott dem Vater. Ich glaube, es ist auch unsere Mission, nicht nur lehrhaft zu bleiben, wenn wir die Göttlichkeit Jesu erwähnen, sondern ihn zu bewundern und zu verkünden, wie Jesus ist. Es ist Gott selbst, der in der Krippe liegt, der nach Jesu Auferstehung am Ufer des Sees Fisch isst und sich von einer Frau die Füße waschen und mit ihrem schönen Haar trocknen lässt. Ellen White verhilft mir immer wieder dazu, diese wichtige Wahrheit zu erfassen. Es gehört zu den wesentlichen Aufgaben des Heiligen Geistes. Noch ein Gedanke über den Heiligen Geist. Die zeitgenössische Tendenz, ihn als eine Art Maschine zu betrachten, die uns mit Gaben versorgt, behagt mir gar nicht. Freilich möchte uns der Heilige Geist viele geistliche Gaben schenken. Aber ich sehne mich mehr und mehr nach einer Beziehung zu ihm, die nicht auf dem Prinzip „Ich gebe dir etwas und du gibst mir etwas“ beruht. Gott ist keine leblose Maschine. Durch den Heiligen Geist wohnt Gott in uns – unaufdringlich, unspektakulär und ohne Druck auf uns auszuüben. Seine Gegenwart ist vergleichbar mit dem, was Elia erlebte: ein sanftes stilles Sausen. Ich wehre mich gegen jeden schwärmerischen Umgang mit dem Heiligen Geist, der sich in unkontrollierten Emotionen äußert. Ich darf den Heiligen Geist nicht mit mir selbst verwechseln. Natürlich geht christliche Spiritualität auch mit Emotionen einher. Gefühle gehören zur Schöpfung Gottes. Aber sie sind nicht der einzige Maßstab. Sie sind sehr wechselhaft. Was wir heute brauchen, um neue Kräfte zu mobilisieren, damit wir uns verändern und unsere ganz persönliche Spiritualität entwickeln können, ist das Erlebnis der Stille, der Ruhe, des Alleinseins – z. B. in der Wüste, in den Alpen, in einem Kloster im Harz oder anderswo. Es ist Aufgabe des Heiligen Geistes, einen Hunger nach Gott in uns hervorzurufen, der nur in der Stille entsteht, in der Teilnahme an einer einfachen, kreativen Liturgie oder in einer ganz persönlichen Begegnung mit Gott. Wir dürfen die Nähe Gottes nicht aus egoistischen Beweggründen herbeisehnen, sondern müssen ihn um seiner selbst willen suchen, um der unvergleichlichen Freude willen, die seine liebende Gegenwart in uns hervorruft, und damit er unser innerstes Herz – nicht nur unseren Verstand und unsere Emotionen – erreichen kann. Wir müssen es lernen, uns Zeit zu nehmen, um über ihn nachzudenken und uns dem Heiligen Geist mehr zu öffnen.

Jean-Luc Rolland

Dozent für Theologie (Geschichte, Sakralmusik und Spiritualität) an der adventistischen Hochschule Collonges sous Salève (Frankreich). Er wuchs in einer katholischen Familie auf, kam als „Mozartfan“ in Salzburg mit Adventisten in Berührung und ließ sich im Alter von 20 Jahren taufen. Er studierte Klavier, Chorleitung und Theologie, war 17 Jahre lang als Pastor in Frankreich tätig und übernahm 2002 die Leitung des neu gegründeten Ellen-White- Forschungszentrums der Euro-Afrika-Division in Collonges. Gern sucht er französische Klöster auf, um in ihrer meditativen Atmosphäre zu beten. Zurzeit schreibt er seine Doktorarbeit über den Einfluss des nordamerikanischen fundamentalistischen Protestantismus auf die Adventgemeinde.

Artikel online im pdf: http://www.advent-verlag.de/adventecho/

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